In regelmäßigen Abständen werden an dieser Stelle einzelne Exponate der Ausstellung »Mein letztes Hemd« vorgestellt.

Nr. 25

BRITTA BELLIN-SCHEWE, * 1965

Ein Traum für eine ganz große Schachtel

4 Exponate: Acryl auf Leinwand, Tonskulptur-zerbrochen-, 2 Sterbehemden


Auszug aus »Der kleine König Dezember« von Axel Hacke

»… aber wie träumst Du deine Träume, wenn du sie in Schachteln hast?« fragte ich. »Abends, wenn ich schlafen gehe«, sagte der König, »nehme ich eine Schachtel aus dem Regal, stelle sie neben mein Bett und nehme den Deckel ab. Dann schlafe ich ein und träume. Und morgens, wenn ich aufgewacht bin, bleibe ich noch ein bisschen liegen und erinnere mich an die Nacht. Dann tue ich den Traum wieder in die Schachtel und stelle sie ins Regal zurück.« – »Was hast du letzte Nacht geträumt fragte er.«
»Oh, ich weiß nicht mehr viel davon«, sagte ich. »Ich saß… saß in einem Ruderboot und ruderte über einen stillen, schwarzen See. Aber ich kam nirgends an, und während ich ruderte, schaute ich aus einem Fenster, das die ganze Zeit vor meinem Gesicht war – ein Fenster in einem Ruderboot, komisch, nicht? Ich fand es aber überhaupt nicht komisch, denn ich war die ganze Zeit so traurig, dass ich nur ganz langsam rudern konnte. Durch das Fenster blickte ich hinaus auf einen dunklen See, auf dem wiederum ich selbst in einem Ruderboot saß und durch ein Fenster schaute und mich selbst beim Rudern sah, und so weiter und so weiter.«
»Und was passierte?« fragte der kleine, fette König. Er hatte die ganze Zeit auf der Bettkante gesessen und manchmal leise geschnauft. »Nichts passierte«, sagte ich, »ich ruderte dahin und sah mich selbst durch das Fenster bis in die Unendlichkeit hinein rudern.« »Ojojojojojoj!« rief der König. »Das ist ja ein Traum für eine ganz große Schachtel!«…


»Mein letztes Hemd wird vergehen wie Zeit.
Meine Seele bleibt bestehen. 21 Gramm für die Ewigkeit.«

Nr. 34

BRIGITTE MAXRATH-ENGER, * 1960

Das Leben hängt am seidenen Faden

Triptychon: Leinwand, Erd-und Mineralpigmente, Asche, natürlicher Binder (Zellulose, Schelllack, Baumharze, Bienenwachs, Pflanzenwachs), Knochenleim. Seidenfäden. Mein Taufkleid, Teil eines Wegekreuzes, Totenhemd


Das Triptychon steht für den Kreislauf des Lebens. Die Materialien symbolisieren unseren Ursprung, Materie in gebundener, stofflicher Form. Wir kommen aus dem Schoß von Mutter Erde und kehren dorthin zurück. Wir sind mit allem zu jeder Zeit verbunden. Das Leben vollzieht sich in Schichten, oder wie Rilke schreibt „in wachsenden Ringen“. Die Mineralpigmente sind in Schichten auf die Leinwand aufgetragen, die als einzelne Schichten für das bloße Auge nicht mehr wahrnehmbar sind. Dennoch scheinen sie durch, lassen das Werk in einer eigenen Schönheit strahlen.
Je mehr Schichten sich bilden, desto mehr Tiefe entsteht.
Das Taufkleid symbolisiert den Eintritt in die Gemeinschaft. Der Mensch wird bedingungslos aufgenommen in die Gemeinschaft der Menschen. Sie begleiten und schützen ihn. Er wird am Du zum Ich, formt sich zu einer individuellen Persönlichkeit, die dennoch in enger Verbundenheit zum Du steht. Geformt durch Begegnungen und Wachstumsprozesse wird er zu einem wahren Selbst, der Geist formt sich aus.
Im Tod kehrt er jedoch in den Zustand ungebundener Materie zurück, der Geist löst sich aus dem Körper, der wiederum dem Gesetz von Werden und Vergehen folgt und zu Erde wird.

Nr. 41

JOCHEN SEIDEL

Installation

STILLE.
Der Eindruck auf das Gesehene bleibt
in der Stille sichtbar.

Nr. 37

CARMEN SIEBKE

Tüllobjekt: Sterbehemd, Leuchtquelle, Tüll

Sterben möchte ich am liebsten, wenn ich satt bin von den Eindrücken und genug habe vom Austausch in dieser Welt. Ich wünsche mir so zu sterben wie ich auch oft leben möchte:

Frei von Groll
frei von Schmerz
frei von Zweifel
in Klarheit
in Dankbarkeit
in Frieden
mit innerer Ruhe und heiterer Gelassenheit

Kurz: Ich möchte im Einverständnis sterben leicht und im Einklang.

Nr. 13

MONIKA CLEVER, * 1953

Ausgetanzt

Die Musik wird still
Zum letzten Mal schwingt das Kleid
Der Tanz ist beendet

Mein letztes Gewand
Dem Irdischen verhaftet
Wird nicht mehr gebraucht.

Nr. 31

YALDA SALEHI, * 2003

…wenn ich jetzt sterben würde…

Der Kragen ist gestempelt mit meinem Namen und Adresse, auf meiner Pinnwand findet man das, was mir wichtig war: Schule, Tiere, Ameisen, die zusammen stark sind…mein buntes Leben. Die Fliegen, die mein »Letztes Hemd« umschwirren, bestehen aus Teilen von mir geschriebener Geschichten und animieren meine Katze, die weiterlebt, damit zu spielen.

Nr. 07

SIV DIBOWSKI, * 1960

I. Birkenstämme, Der Tod - etwas Natürliches

Der Tod ist etwas Natürliches und trotzdem fürchten wir ihn. Etwas Unbekanntes steht vor uns. Wir versuchen, uns den Tod leicht zu denken. Todesanzeigen, Grabsteintexte und Nachrufe helfen uns dabei.

II. Ein leichtes Sommerkleid

Taufe, Hochzeit, Tod

III. Erinnerungen an das Leben…nehme ich mit

Zeichnungen von Menschen und Songtexte in Schwedisch, Englisch und Deutsch

Nr. 02

PETRA ZIERACKS, * 1962

Mein letztes Hemd

Materialangabe: Acryl auf Leinwand; Totenhemd - nachtleuchtend präpariert.

Meinen ersten Toten habe ich gesehen, als ich mit 18 Jahren mein erstes Krankenpflegepraktikum machte. Ich habe ihm - bevor die Angehörigen kamen - noch etwas von meinem Rouge aufgelegt, denn ich wollte, dass diese ihn - trotz schrecklichem Todeskampf - in möglichst guter Erinnerung hätten. Das wünsche ich mir - wie bestimmt viele andere auch - für mein Sterben, ruhig einschlafen und kein entsetzlicher Anblick (keine entsprechende Erinnerung) für meine Hinterbliebenen zu sein. Mein letztes Hemd musste mir deswegen auch gut gefallen und schön aussehen. Das nachtleuchtende Hemd schwebt leicht im Raum, ist ästhetisch anzusehen und trägt die letzte Zeile meines Lieblingsgedichtes von Hermann Hesse, »Stufen«:

»Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden, des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!«

Man kann dabei den »Sound of Silence« hören.

Die dazugehörige Leinwand zeigt ein bearbeitetes Foto meines Patenkindes- kurz vor der Operation, die geplant war, weil Lymphdrüsenkrebs vermutet wurde. Ironischerweise ähneln die OP-Hemden fatal dem Letzten Hemd! Ich finde die Körperhaltung des 15-jährigen Mädchens drückt all die Sorgen und Angst aus, die sie in dieser Situation hatte. Wenn es soweit ist, werde ich wohl auch Angst empfinden, das weiß ich, aber bis dahin: Nehme ich mir das Leben – in die Hand.

Nr. 08

GABRIELE GEIER, * 1949

Müde bin ich, geh zur Ruh

Versuch, ein beängstigendes, gerne verdrängtes Thema in den Lebensalltag einzufügen. Auch wenn wir nichts wissen und es mir schwer fällt zu glauben , so kann ich dennoch hoffen! Ich hoffe, alt und müde geworden, dorthin zurückzukehren, woher ich einst gekommen bin und dort eine friedvoll-geborgene Aufnahme zu finden. Ein Abendgebet aus meiner Kindheit drückt diese Hoffnung besonders gut aus:

»Müde bin ich, geh zur Ruh,
schließe beide Äuglein zu.
Vater lass die Augen dein
über meinem Bette sein.
Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand.
Alle Menschen groß und klein,
sollen dir befohlen sein.
Kranken Herzen sende Ruh,
nasse Augen schließe zu,
lass den Mond am Himmel stehn
und die stille Welt besehn.«

Nr. 15

GABRIELA MROZIK,

ich wünschte, ich glaubte

(Sterbehemd in Glas geschmolzen)

Ich wünschte , ich glaubte.
Ich wünschte ich glaubte
dass jenseits des Denkens
nur Fühlen ist,
jenseits Haderns nur Ruhe,
jenseits Suchens Ankommen.
Ich wünschte, ich glaubte.

Nr. 06

MARIANNE TROLL, * 1954

Aus Gras und Erde wird es sein, mein letztes Hemd

Aus Gras und Erde wird es sein mein letztes Hemd mit Kieselknöpfen die im Mondlicht glänzen oder ist es zu dunkel in der langen Nacht?
Kein ich nur Moleküle in der Tiefe - ewig liebkost zersetzt von Mikroorganismen verdaut von Pilzen Nekrophagen
nicht Abfall ist mein Körper sondern Humus und meiner Seele Humus ist die Erinnerung die meine Überlebenden in ihren Seelen hegen

Mari 4.7.2013

Nr. 09

ANJA RIHM, * 1959

Zum Sterben hatte ich viele Fragen und Ängste. Durch einen toxischen Schock mit 31 Jahren, von dem ich wiederbelebt werden musste, habe ich vor dem Tod selbst keine Angst mehr. Ich fühlte mich leicht und befreit und schwebte einem unendlich weißen Licht entgegen, war auf der Schwelle hinüber zu gleiten, es war sehr verführerisch zu gehen. Die Sehnsucht nach meinem Baby aber war stärker und hat mich veranlasst zurückzukehren. Was mich jetzt noch ängstigt ist eine Krankheit mit langem Leidensweg, Anderen zur Last zu werden und abhängig zu sein von Menschen die mich nicht lieben.

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